Grosset

 

 

Hic Sunt Leones (hier gibt es Löwen!) – das stand früher über unerkundetem Terrain auf den Landkarten, wenn man nicht genau wußte, was sich dort befand. So ähnlich präsentierte sich lange die Riesling-Landschaft Australiens vor meinem inneren Auge. Nette süffige Weinchen bestenfalls, aber es gab auch schlimme Interpretationen der Rebsorte, vor denen man sich besser in acht nahm wie vor besagten Raubtieren. Doch einen gab es, der den Weltklasse-Riesling auf die Landkarte gebracht hat: Jeffrey Grosset.
Vorweg: Der Mann gilt als Besessener, als Avantgardist, als Perfektionist, der sich und andere bis an die Grenzen treibt, um in Weinberg und Keller noch Größeres zu vollbringen. Man merkt es den Weinen ausnahmslos an. Keinen Vergleich brauchen diese Weine zu scheuen, der Chardonnay und Pinot nicht den mit Burgund, und der Riesling nicht den mit Deutschland. Jeffrey – eher widerstrebend zur Gallionsfigur der Pro-Screwcap-Bewegung geworden – beantwortet regelmäßig Anfragen von deutschen Kollegen, die nun nachziehen.


Zum Besuch beim Weingut. Lange war mir nichts besonderes aus dem Clare Valley aufgefallen, und jetzt war ich auf dem Weg zu Mister Riesling persönlich, dessen Polish Hill Riesling der Meilenstein für die Rebsorte in Australien ist. Da ich ein paar Jahre nicht dort gewesen war, genoß ich die Fahrt sehr, gilt doch das Clare Valley als die Toskana Australiens. Leicht hügelig, fette Wiesen, sanfte Farben und kleine Orte, malerisch und hübsch! Noch eine Kurve, und das Weingut liegt vor mir. Jeffrey Grosset begrüßt mich noch am Auto und zeigt mir das Weingut und die berühmten Einzellagen, wie den schon erwähnten Polish Hill Weinberg sowie den des Gaia (in der griechischen Mythologie die Erde in Göttergestalt), nach dem sein rotes Flaggschiff benannt ist.

„Terroir“, sagte er schon vor dem New South Wales Wine Press Club, „ist das französische Wort für das, was wir in Australien schon seit tausenden von Jahren als ‘pangkarra’ kennen. Pangkarra ist ein Aboriginie-Wort … es repräsentiert ein Konzept ohne griffige Übersetzung, aber es umfaßt die Charakteristika eines spezifischen Ortes – das Klima, den Sonnenschein, den Regen, die Geologie und die Boden-Wasser-Verhältnisse.“ Im Deutschen kommt ihm der Begriff ‘Lage’ am nächsten, aber auch das trifft nicht alles. Also machen wir uns ans Probieren. Wir fangen mit dem Polish Hill Riesling an. Was für ein Wein: Glockenklare Rieslingfrucht, perfekt strukturiert, mineralisch, perfektes Säurespiel, unendlich lang. Ja, dachte ich, der würde meinem Portfolio gut zu Gesicht stehen! Jeffrey hat auch Weinberge in der für Chardonnay und Pinot Noir prädestinierten Lage Adelaide Hills, sein Chardonnay und sein Pinot Noir aus diesem Anbaugebiet sprechen Bände und bieten Weingenuß auf allerhöchsten Niveau. Dann zum Schluß Gaia, eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und etwas Merlot. Finessenreich, fein und subtil. Fazit dieses Tages: Tolles Weingut, tolle Landschaft, tolle Menschen, aber natürlich vor allem: Fantastische Weine.

PS: Jeffrey war übrigens Volvo/Wine Magazine Australian Winemaker of the Year und International Riesling Winemaker of the Year bei der Riesling Summit II in Hamburg, beides 1998. Das US-Magazin Wine and Spirits erklärte ihn zu einem der 50 einflußreichsten Winzer der Welt. An selbiger Stelle schrieb Rob Smith: “Jeffrey Grosset's Polish Hill Riesling … schmeckt, als ob der Traubensaft sich aus Wasser gespeist hätte, das durch Lagen von Gletschersteinen gefiltert wurde, Kiesel und Schiefer - was tatsächlich stimmt (nicht zufällig sind die Weine nicht gepfropft, sondern wachsen auf ihren eigenen Wurzeln).”

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